Freitag, 21. April 2017
Über räuberische Würmer mit giftigem Rüssel zum Beutefang
hafenschaf, 17:57h
Während meiner Bachelorarbeit habe ich mich intensiv mit einer Tiergruppe auseinander gesetzt, die die wenigsten, denen ich davon erzählt habe, kannten. Dies liegt wohl in erster Linie daran, dass sie zumeist versteckt im Sand lebt, aber wohl auch an der Tatsachen, dass es keine Wirbeltiere sind. Dabei hat die Gruppe der Nemertinen einige sehr spektakuläre Eigenschaften.
Die Gruppe der Nemertinen, auch Schnurwürmer genannt, bezeichnet eine kleine Gruppe von ca 1.200 beschriebenen Arten von Würmern, die im sandigen Sediment der Gezeitenzone leben. Man kann sie somit an Stränden oder im Watt entdecken, wenn man nah beim Wasser den Sand umgräbt, Steine beiseite rollt oder unter Algen sucht. In der Regel sind Nemertinen Bewohner mariner und feuchter Habitate, nur wenige leben im Süßwasser. Und obwohl Nemertinen in der Regel hochgradig aquatisch sind, gibt es sogar einige terrestrische Arten.
Obwohl Nemertinen für den normalen Betrachter einfach nur Würmer wie Würmer aussehen, gehören sie nicht zu den Weichtieren (Annelida) und sind auch nicht mit dem Regenwurm verwandt.Die meisten Arten sind sehr klein, nur wenige mm bis cm, andere können dagegen Längen von vielen Dezimetern oder sogar Metern erreichen. Die längste Wurmart der Welt nennt sich Lineus longissimus (Fig. 1). Bereits in Brehms Tierleben von 1918 wurde von Exemplaren berichtet, die 30 bis 50 Meter lang gewesen sein sollen und somit Länger waren, als ein Blauwal. Zugleich beträgt die Körperbreite der Tiere jedoch wie auch bei den kleineren Verwandten nur wenige Millimeter.

Wegen ihrer geringen Körperbreite neigen gerade lange Arten dazu, bei Flucht und Gefahr Teile des Körpers zu verlieren. Die fehlende Körperpartie kann regeneriert werden und manche Arten besitzen sogar die Fähigkeit, vom Körper abgetrennte Teile zu vollständigen Tieren heranwachsen zu lassen.
Ein besonderes und einzigartiges Merkmal der Nemertinen ist der Rüssel, der über dem Darms in einer Körperhöhle, dem Rhynchocoel, eingelagert ist und am Kopfende oberhalb des Mundes ausgestülpt werden kann (Fig. 2). Häufig erreicht der Rüssel eine Länge von 2/3 der gesamten Körperlänge des Tieres und dann die Länge des Wurms im ausgestülpten Zustand sogar überschreiten (Fig. 3). Der Rüssel ist ein essentielles Werkzeug der Tiere zum Zwecke der Nahrungsbeschaffung, denn ausnahmslos alle Arten leben räuberisch. Über seine ganze Länge verteilt ist der Rüssel mit Giftdrüsen besetzt, gefüllt mit giftigen Sekreten oder Verdauungsenzymen. Entdecken sie einen geeigneten Beuteorganismus, erhöhen sie den Druck im Rhynchocoel durch Muskelkontraktion. Hierdurch schließt der Rüssel mit atemberaubender Geschwindigkeit hervor, umschlingt die Beute und macht sie durch die Wirkung ihres Giftes innerhalb von kurzer Zeit bewegungsunfähig.

Zu den Beuteorganismen gehören unter anderem Ringelwürmer oder Vielborster, die nach Betäubung mithilfe des Rüssels in den Mund gestopft werden (Fig. 4). Diese Prozedur bewirkt, dass man den Würmern genau wie bei Schlangen deutlich ansieht, dass diese gegessen haben. Andere wiederum zählen Gliederfüßer, wie Insekten oder Krebstiere zu ihrer bevorzugten Nahrung. Arten, die auf Gliederfüßer spezialisiert sind, haben eine Strategie entwickelt, mit der sie den harten Panzer der Beute durchdringen können. Ihr Rüssel ist auf halber Höhe mit einem bis mehreren sogenannten Styletts, kleinen Nadeln, besetzt. Mit ihnen sind die Würmer dazu in der Lage, den Chitinpanzer der Beute zu durchbohren. Anschließend werden Enzyme zum Vorverdauen der Nahrung in den Körper injiziert und die Tiere ausgeschlürft.

Der Rüssel kann zudem auch zur schnellen Flucht verwendet werden. Auf hartem Untergrund kommen Nemertinen deutlich schneller voran, wenn sie sich mit der Spitze des ausgestülpten Rüssels am Substrat festhalten und ihren Körper nach vorne ziehen, während der Rüssel wieder eingeholt wird. Das Zurückholen geschieht durch einen Muskel, der die Spitze des Rüssels mit dem hinteren Ende des Rhynchocoels verbindet. Während dieser Muskel im eingestülpten Zustand stark kontrahiert ist, kann er sich beim Ausstülpen auf ein Vielfaches seiner ursprünglichen Länge ausdehnen (Fig. 2).

Für meine Arbeit habe ich mich mit einer sehr großen und farbenfrohen Art auseinander gesetzt: Tubulanus superbus, entdeckt von Kölliker 1845 (Fig. 5, 6). Er hat eine kirschrote bis braunrote Färbung mit vier gelblichen longitudinalen Streifen, die sich zu beiden Seiten und auf der Ober- und Unterseite des Tieres vom Kopf bis zum Körperende erstrecken. Die Längsstreifen werden in Abständen von wenigen Millimetern von hunderten Ringeln gekreuzt. Die Art erreicht Längen von bis zu 85 cm und gehört somit zu den größeren Vertretern der Gruppe.


Die Nemertinen haben mich ein halbes Jahr lang begleitet und fasziniert, obwohl ich eher ein Liebhaber von Wirbeltieren, als von Invertebraten sind. Auch wenn es biologisch und anatomisch eine sehr einfache Gruppe mit vergleichsweise wenig Arten ist, habe ich dennoch gemerkt, dass ich mich alleine mit "meinem" Wurm ein halbes Leben lang beschäftigen könnte, so viel gibt es bei dieser Art zu entdecken, zu erforschen und zu erfahren. Beteiligt an meiner Faszination war zudem auch mein Betreuer, der immer wieder bewiesen hat, wie wichtig eigene Begeisterung ist, um etwas seltsame, gruselige oder schleimige Kreaturen auch anderen Leuten nahe bringen zu können.
Quellen:
Brehm, A.E., 1918. Brehms Tierleben. Allgemeine Kunde des Tierreichs. Niedere Tiere. 4. Auflage. Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut. 59-72.
Bürger, O., 1895. Die Nemertinen des Golfes von Neapel und der angrenzenden Meeres-Abschnitte. In: Fauna und Flora des Golfes von Neapel und der angrenzenden Meeres-Abschnitte. Band 22. Berlin: Verlag von R. Friedländer & Sohn. 1-739.
Gibson, R., 1972. Nemerteans. London: Hutchinson University Library. 1-224.
Kölliker, A., 1845. Drei neue Gattungen von Würmern. Verhandlungen der Schweizerischen Na-turforschenden Gesellschaft bei ihrer Versammlung zu Chur, den 29., 30. und 31. Juli 1844. 29. Versammlung. Chur: Gedruckt bei Otto’s Erben. 86-98.
Nemertinen allgemein
Turbeville, J.M., 2013. Nemertini. In: Westheide, W., Rieger, G.. Spezielle Zoologie Teil 1: Ein-zeller und Wirbellose Tiere. 3. Auflage. Berlin und Heidelberg: Springer-Verlag. 283-292.
Die Gruppe der Nemertinen, auch Schnurwürmer genannt, bezeichnet eine kleine Gruppe von ca 1.200 beschriebenen Arten von Würmern, die im sandigen Sediment der Gezeitenzone leben. Man kann sie somit an Stränden oder im Watt entdecken, wenn man nah beim Wasser den Sand umgräbt, Steine beiseite rollt oder unter Algen sucht. In der Regel sind Nemertinen Bewohner mariner und feuchter Habitate, nur wenige leben im Süßwasser. Und obwohl Nemertinen in der Regel hochgradig aquatisch sind, gibt es sogar einige terrestrische Arten.
Obwohl Nemertinen für den normalen Betrachter einfach nur Würmer wie Würmer aussehen, gehören sie nicht zu den Weichtieren (Annelida) und sind auch nicht mit dem Regenwurm verwandt.Die meisten Arten sind sehr klein, nur wenige mm bis cm, andere können dagegen Längen von vielen Dezimetern oder sogar Metern erreichen. Die längste Wurmart der Welt nennt sich Lineus longissimus (Fig. 1). Bereits in Brehms Tierleben von 1918 wurde von Exemplaren berichtet, die 30 bis 50 Meter lang gewesen sein sollen und somit Länger waren, als ein Blauwal. Zugleich beträgt die Körperbreite der Tiere jedoch wie auch bei den kleineren Verwandten nur wenige Millimeter.

Wegen ihrer geringen Körperbreite neigen gerade lange Arten dazu, bei Flucht und Gefahr Teile des Körpers zu verlieren. Die fehlende Körperpartie kann regeneriert werden und manche Arten besitzen sogar die Fähigkeit, vom Körper abgetrennte Teile zu vollständigen Tieren heranwachsen zu lassen.
Ein besonderes und einzigartiges Merkmal der Nemertinen ist der Rüssel, der über dem Darms in einer Körperhöhle, dem Rhynchocoel, eingelagert ist und am Kopfende oberhalb des Mundes ausgestülpt werden kann (Fig. 2). Häufig erreicht der Rüssel eine Länge von 2/3 der gesamten Körperlänge des Tieres und dann die Länge des Wurms im ausgestülpten Zustand sogar überschreiten (Fig. 3). Der Rüssel ist ein essentielles Werkzeug der Tiere zum Zwecke der Nahrungsbeschaffung, denn ausnahmslos alle Arten leben räuberisch. Über seine ganze Länge verteilt ist der Rüssel mit Giftdrüsen besetzt, gefüllt mit giftigen Sekreten oder Verdauungsenzymen. Entdecken sie einen geeigneten Beuteorganismus, erhöhen sie den Druck im Rhynchocoel durch Muskelkontraktion. Hierdurch schließt der Rüssel mit atemberaubender Geschwindigkeit hervor, umschlingt die Beute und macht sie durch die Wirkung ihres Giftes innerhalb von kurzer Zeit bewegungsunfähig.

Zu den Beuteorganismen gehören unter anderem Ringelwürmer oder Vielborster, die nach Betäubung mithilfe des Rüssels in den Mund gestopft werden (Fig. 4). Diese Prozedur bewirkt, dass man den Würmern genau wie bei Schlangen deutlich ansieht, dass diese gegessen haben. Andere wiederum zählen Gliederfüßer, wie Insekten oder Krebstiere zu ihrer bevorzugten Nahrung. Arten, die auf Gliederfüßer spezialisiert sind, haben eine Strategie entwickelt, mit der sie den harten Panzer der Beute durchdringen können. Ihr Rüssel ist auf halber Höhe mit einem bis mehreren sogenannten Styletts, kleinen Nadeln, besetzt. Mit ihnen sind die Würmer dazu in der Lage, den Chitinpanzer der Beute zu durchbohren. Anschließend werden Enzyme zum Vorverdauen der Nahrung in den Körper injiziert und die Tiere ausgeschlürft.

Der Rüssel kann zudem auch zur schnellen Flucht verwendet werden. Auf hartem Untergrund kommen Nemertinen deutlich schneller voran, wenn sie sich mit der Spitze des ausgestülpten Rüssels am Substrat festhalten und ihren Körper nach vorne ziehen, während der Rüssel wieder eingeholt wird. Das Zurückholen geschieht durch einen Muskel, der die Spitze des Rüssels mit dem hinteren Ende des Rhynchocoels verbindet. Während dieser Muskel im eingestülpten Zustand stark kontrahiert ist, kann er sich beim Ausstülpen auf ein Vielfaches seiner ursprünglichen Länge ausdehnen (Fig. 2).

Für meine Arbeit habe ich mich mit einer sehr großen und farbenfrohen Art auseinander gesetzt: Tubulanus superbus, entdeckt von Kölliker 1845 (Fig. 5, 6). Er hat eine kirschrote bis braunrote Färbung mit vier gelblichen longitudinalen Streifen, die sich zu beiden Seiten und auf der Ober- und Unterseite des Tieres vom Kopf bis zum Körperende erstrecken. Die Längsstreifen werden in Abständen von wenigen Millimetern von hunderten Ringeln gekreuzt. Die Art erreicht Längen von bis zu 85 cm und gehört somit zu den größeren Vertretern der Gruppe.


Die Nemertinen haben mich ein halbes Jahr lang begleitet und fasziniert, obwohl ich eher ein Liebhaber von Wirbeltieren, als von Invertebraten sind. Auch wenn es biologisch und anatomisch eine sehr einfache Gruppe mit vergleichsweise wenig Arten ist, habe ich dennoch gemerkt, dass ich mich alleine mit "meinem" Wurm ein halbes Leben lang beschäftigen könnte, so viel gibt es bei dieser Art zu entdecken, zu erforschen und zu erfahren. Beteiligt an meiner Faszination war zudem auch mein Betreuer, der immer wieder bewiesen hat, wie wichtig eigene Begeisterung ist, um etwas seltsame, gruselige oder schleimige Kreaturen auch anderen Leuten nahe bringen zu können.
Quellen:
Brehm, A.E., 1918. Brehms Tierleben. Allgemeine Kunde des Tierreichs. Niedere Tiere. 4. Auflage. Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut. 59-72.
Bürger, O., 1895. Die Nemertinen des Golfes von Neapel und der angrenzenden Meeres-Abschnitte. In: Fauna und Flora des Golfes von Neapel und der angrenzenden Meeres-Abschnitte. Band 22. Berlin: Verlag von R. Friedländer & Sohn. 1-739.
Gibson, R., 1972. Nemerteans. London: Hutchinson University Library. 1-224.
Kölliker, A., 1845. Drei neue Gattungen von Würmern. Verhandlungen der Schweizerischen Na-turforschenden Gesellschaft bei ihrer Versammlung zu Chur, den 29., 30. und 31. Juli 1844. 29. Versammlung. Chur: Gedruckt bei Otto’s Erben. 86-98.
Nemertinen allgemein
Turbeville, J.M., 2013. Nemertini. In: Westheide, W., Rieger, G.. Spezielle Zoologie Teil 1: Ein-zeller und Wirbellose Tiere. 3. Auflage. Berlin und Heidelberg: Springer-Verlag. 283-292.
... link (0 Kommentare) ... comment